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AUSSTELLUNG VON ROMANA HOSTNIG


„Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel Ordnungen? und gesetzt selbst, es nähme einer mich plötzlich ans Herz: ich verginge von seinem stärkeren Dasein. Denn das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen, und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht, uns zu zerstören. Ein jeder Engel ist schrecklich.“
Aus: Rainer Maria Rilke, Die erste Duineser Elegie, 1912-22

Wenn Rilke über einen Künstler schrieb, hielt er sich an die Worte seines Lieblingsdichters Jens Peter Jacobsen: „Du sollst nicht gerecht sein gegen ihn; denn wohin kämen die Besten von uns mit der Gerechtigkeit; nein; aber denke an ihn, wie er die Stunde war, da du ihn am tiefsten liebtest ...“

Romana Hostnig
Freischaffende Künstlerin

Geboren am 8. März 1952 in Dornbirn, aufgewachsen in Bregenz / Österreich

1968 - Zürich Modeschule.
1969-70 - Aufenthalt in Berlin.
1970 - Übersiedlung nach Wien.
1978 - Erster Preis für Literatur zur Arbeitswelt, Arbeiterkammer Oberösterreich.
1980-85 - Aufenthalt in der BRD. Literarisch tätig und Hinwendung zur bildenden Kunst.

Romana Hostnig begann ihre künstlerischen Aktivitäten im Jahr 1983 im Alter von 33 Jahren in Norddeutschland. Warum so spät? Sie war vorher in diversen Arbeitsverhältnissen eingebunden, eine künstlerische Ausbildung wurde ihr nicht zuteil. Die Modeschule in Zürich wurde ihr nicht finanziert. In Norddeutschland war sie zunächst arbeitslos und hatte Zeit, sich autodidaktisch mit künstlerischen Aspekten auseinanderzusetzen. Ihre persönliche Wahrnehmung von Licht und Farben - das Licht im Winter in Norddeutschland ist sehr speziell - intensivierte das Interesse für Malerei.

1985 - Rückkehr nach Wien, Gasthörerin bei Maria Lassnig.
1988 - Erste Einzelausstellung, Galerie Trabant, Wien.

Ihre erste Ausstellung im Jahr 1988 mit dem Titel "Kassandra" war inspiriert von Christa Wolf's Buch „Kassandra“. Zunächst orientierte sie sich in ihrer Malerei an den Werken von Max Beckmann, dessen mythisches Weltbild sie sehr ansprechend fand. Sie beschäftigte sich in Folge auch lange Zeit mit mythologischen Themen, die in ihren „antropomorphen“ Figuren zum Ausdruck kamen. In ihrer Malerei wird eine tiefe Identifikation mit allem Organischen spürbar, die Verletzlichkeit des Kreatürlichen, eine Sympathie, in der ihr geheimer Wunsch mitschwingt, dass in dieser laut Kleist „gebrechlichen Welt“ doch auch einmal der „Underdog“ bzw. dieses Verletztliche siegen möge.

1991 - Ausstellungsbeteiligung beim internationalen Wettbewerb für Malerei und Grafik, Mapello / Italien. Ausstellungsbeteiligung in der Alten Schmiede, Wien. Einzelausstellung im Theater mbH, Wien.
1994 - Arbeitsstipendium für Sizilien (Bundesministerium für Unterricht und Kunst), Aufenthalt in Sizilien bis 1995.
1995 - Einzelausstellung in der Augustinerkirche (Georgskapelle), Wien.
1996 - Aufenthalt in Sizilien. Einzelausstellung in Taormina, Palazzo Duchi di San Stefano (Fondatione Mazzullo)
1997 - Übersiedlung nach Bregenz
1998 - Reise nach Südamerika (Peru, Brasilien, Bolivien, Chile, Ecuador). Literarisch tätig.
2000 - Aufenthalt in Ecuador / Quito, malerisch tätig. Auseinandersetzung mit indigener Kultur.
2006 - Rückkehr nach Bregenz.
2009 - Übersiedlung nach Wien. Einzelausstellung im Oktober 2009 in der Galerie Time, Wien.
2012 - Einzelausstellung im WUK Wien.
2016 - Einzelausstellung bei KunstbeTrieb, Wien.
2017 - Einzelausstellung bei KunstbeTrieb, Wien.

In einer sich ständig wandelnden Zeit, die ihr zunehmend bedrohlicher zu werden scheint, nimmt Romana Hostnig in ihren künstlerischen Anstrengungen Stellung. Kennzeichnend für ihr umfangreiches Werk sind starke und einprägsame Entwürfe, mit denen sie sich im Laufe der Jahre vollkommen von stilistischen Zwängen und Vorbildern löst. Körperlichkeit und Empfindsamkeit sind die dominanten Themen, die sich durch ihr gesamtes Werk ziehen, das die weibliche Position in der Kunst und in der Gesellschaft reflektiert. Bevorzugte Ausdrucksmittel sind Malerei, Druckgrafik und Plastik.

Romana Hostnig schafft archaisch kraftvolle Figurationen statt einfacher realistischer Abbildungen, bleibt in Verfremdungen und Abstraktionen dennoch stets konkret. In ihren Arbeiten konzentriert sie sich mehr auf subjektive Wahrnehmungen und Befindlichkeiten als auf das objektiv Sichtbare. So sind es immer wieder Personen aus dem Alltag der Künstlerin, oder allegorische, mythologische, zuweilen auch historische Figuren, denen symbolische Bedeutung zur Gegenwart anhaftet, Selbstporträts, oft angereichert mit surrealen Elementen, die eine eigenartige und ganz spezifische Schwebe zwischen Nähe und Fremdheit hervorrufen. Sie zeugen von einer ausgeprägten Gefühlswelt, die das ganze Spektrum physischen und psychischen Empfindens widerspiegelt. Intuitiv setzt die Künstlerin Farben ein, um Zustände und damit verbundene Assoziationen auszudrücken.

Der traditionelle europäische Realismus hat mit den Romantikern sowie mit den großen Landschafts- und Porträtmalern des 19. Jahrhunderts seinen Höhepunkt überschritten und kann erst neue Impulse verzeichnen, als sich in den 1920er-Jahren eine neue veristische Malerei vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Konflikte formiert. Hier setzt auch Romana Hostnig an, indem sie sich der Aussage Max Beckmanns von 1918 angesichts der tiefen politischen Erschütterung dieser Zeit anschließen kann: „Aus einer gedankenlosen Imitation des Sichtbaren, aus einer schwächlich archaistischen Entartung in leeren Dekorationen und aus einer falschen und sentimentalen Geschwulstmystik heraus werden wir jetzt hoffentlich zu der transzendenten Sachlichkeit kommen, die aus einer tiefen Liebe zur Natur und zu den Menschen hervorgehen kann.“ Nach seinen expressionistischen Anfängen findet Beckmann in den zwanziger Jahren seinen persönlichen Stil mehr und mehr in einer Vermittlung von expressiver Deformation, kritischer Realistik und archaisierend-antiker Klassik, wobei seine Bildinhalte sich zunehmend zu Gleichnissen und Allegorien mit Hilfe mythologischer Motive verrätseln.

Das gilt ebenso für Romana Hostnig, die ihre Wurzeln in der klassischen Moderne sieht. In ihrer Vorstellung kann der Mensch seine Individualität nur bewahren, wenn er Distanz schafft zu den bedrückenden Verhältnissen seiner Umwelt. Stilistisch äußert sich diese Grundhaltung in sehr bewussten Bildkompositionen, im Ausgleich von Flächigkeit und Bildtiefe in der Malerei und Grafik, sowie einer spürbar auf das Wesentliche reduzierten Körperlichkeit in ihren plastischen Arbeiten und Objektmontagen.

Eine vielschichtige Kohärenz zeichnet sich in ihrem umfangreichen Werk ab, nicht auf formale Wiederholungen beschränkt, sondern gleichzusetzen mit einer atavistischen Matrix, die ihren eigenen Ansprüchen und ihrem unverwechselbaren künstlerischen Ausdruck entspricht. Romana Hostnig bleibt ihrem Stil treu in der Umsetzung ihrer Ambitionen - in ihrem Beharren auf das Unverfälschte, abseits von modischen Einflüssen, quasi „naiv“ -  im etymologischen Sinn von „ursprünglich“. Ursprünglich und gewalttätig gegen Material und sich selbst im unermüdlichen Schaffensprozess. Denn es bedarf des schöpferischen Aktes, der auf die Möglichkeit der Selbstverwirklichung einwirken muss, um sie einem Zustand des tatsächlichen Seins anzunähern. In Anlehnung an  Aristoteles begreift Romana Hostnig die Kunst als aktive Potenz, als Energie, als wirkende Kraft ...

„Mit nichts kann man ein Kunst-Werk so wenig berühren als mit kritischen Worten: Es kommt dabei immer auf mehr oder minder glückliche Missverständnisse heraus. Die Dinge sind alle nicht so fassbar und sagbar, als man uns meistens glauben machen möchte: Die meisten Ereignisse sind unsagbar, vollziehen sich in einem Raume, den nie ein Wort betreten hat, und unsagbarer als alles sind die Kunst-Werke, geheimnisvolle Existenzen, deren Leben neben dem unseren, das vergeht, dauert.“
Rainer Maria Rilke (1875 - 1926)